24h-Rennen: Berg- und Talfahrt der Gefühle

Seit Anbeginn des Projekts “Von Null auf 24h” war alles auf das eine Ziel ausgerichtet: Die Teilnahme am 24h-Rennen auf dem Nürburgring 2015. Jetzt ist das Ziel erreicht, und erst noch mit dem Maximalziel Klassensieg. Eine Spazierfahrt war es wahrlich nicht.

11108837_10152882025790735_3318744944736525181_nEs hat doch ein paar Tage gedauert, bis ich mir komplett bewusst wurde, was wir am 17. Mai kurz nach 16 Uhr erreicht haben. Noch immer ist das erste Wort, das mir dabei in den Sinn kommt “Unglaublich”, aber inzwischen glaube ich an diesen Klassensieg in der V3 beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, einem der grössten Abenteuer, die es im Automobilrennsport gibt. Aber der Reihe nach.

Schon die Anfahrt zur grossen Rennveranstaltung in der Eifel ist anders als sonst. Bereits Mittwoch treffe ich am Ring ein, und längst sind Campingplätze und jedwede Parkgelegenheit gefüllt. Bereits am Nachmittag brennen viele Lagerfeuer, es riecht bereits allerorten nach Grillwürstchen. Dabei geht es heute erst einmal um Dokumentenabnahme und Materialkontrolle. Bei mir alles OK – im Unterschied zu einer früheren Dakar-Siegerin, die mit mir in der Schlange steht und sich einen neuen Helm besorgen musste. Ihr fabrikneues Exemplar ist nämlich nach Meinung der Kommissäre bereits abgelaufen, selbst Motorsport-Stars sind nicht vor Irrtümern gefeit.

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Donnerstag steht erst einmal das freie Training an. Meine Mitstreiter Manuel Amweg, Spross der rennerfahrenen Amweg-Dynastie, Thomas Lampert und Benjiamin Albertalli kennen wie ich sowohl das Fahrzeug als auch die Strecke zur Genüge, so dass wir uns im Vorfeld zum grossen Rennen vor allem darin üben, Material zu schonen. Thomas Lampert macht einen Funktionscheck im rot-weissen Toyota GT 86 mit der Startnummer 196 und überlässt den Wagen noch für einige Runden auf dem Grand-Prix-Kurs an Benji, der in diesem Jahr noch keine Rennkilometer im Einsatzwagen bestreiten konnte. Auch wenn ich nicht zum Einsatz komme, so steigt doch langsam die Nervosität bei mir. Oder ist es Vorfreude?

11073070_965549996811028_1063960858294086643_nAm Abend folgt die Pflicht: Jeder Pilot hat zwei gezeitete Runden im Qualifying zu absolvieren. Ich komme als Letzter an die Reihe und fahre in die Nacht hinein. Von der Leuchtleistung der fürs 24h-Rennen aufgerüsteten Scheinwerfer bin ich etwas enttäuscht, aber später erfahre ich, dass die Zusatzlampen in den Nebelleuchten-Gehäusen noch nicht angeschlossen waren. Ansonsten kann ich mit den Verhältnissen in der Dunkelheit leben, auch wenn die blauen Schwaden im Bereich Hatzenbach, die von den vielen Grillfeuern stammen, etwas gewöhnungsbedürftig sind. Immerhin riecht es gut.

Für schnelle Rundenzeiten reicht es auf der teils nassen Strecke allerdings nicht, erst gegen Ende des Trainings trocknet es ab. Unser einziger Konkurrent in der Klasse V3, ebenfalls mit einem Toyota GT 86 unterwegs, erzielt aber noch eine Bestzeit und liegt mehr als eine Minute vor uns. Nicht so wichtig, denn wie sagt unser Teamchef Hannes Gautschi so schön: “Ob wir 50 oder 100 Meter weiter vorne starten, ist fürs Rennen völlig unwichtig.”

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Das zweite Quali am Freitagmorgen lassen wir komplett aus und stören uns auch nicht daran, dass wir in der Liste der Qualifizierten als Letzte aufgeführt sind. Hinter uns sind noch 14 nicht Qualifizierte, die aber doch alle zum Start zugelassen werden. Somit stehen 152 Autos am Start, einige davon hinter uns. Die Einsatzcrew von Ring Racing macht sich daran, den Wagen noch einmal fürs Rennen komplett zu revidieren. Die Konkurrenz tut dies ebenfalls.

Der Samstag ist gekommen, ich mache meine Rennklamotten parat. Je zwei Sätze Unterwäsche, ansonsten Rennanzug, Kopfhaube, Helm, Hybrid-HANS, Handschuhe – alles wie gehabt. Das Hotelzimmer verlasse ich morgens im festen Wissen, dass ich nur einmal kurz für ein Nickerchen zurückkommen werde. Ansonsten erst wieder am Sonntagabend.

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Bereits um 13 Uhr 40 geht es los. Wir haben im Team entschieden, dass Manuel den Start fährt, danach steht die Liste der weiteren Fahrer-Einsätze fest, durchgeplant bis Sonntagmorgen 8 Uhr. Dann soll entschieden werden, ob wir zum Angriff blasen und auf Klassensieg fahren. Bis dahin gilt erst einmal das nackte Überleben im Pulk der weit über 100 Autos durch wechselnde Wetter- und Lichtverhältnisse. Um unserem Startfahrer die lange Wartezeit vom Anfahren der Startaufstellung bis zum eigentlichen Start um 16 Uhr zu ersparen, fahre ich den Toyota GT 86 auf die Start-Ziel-Gerade. Dabei muss ich noch die neuen Bremsbeläge einbremsen und die Vorderräder von Gummirückständen frei fahren. Auf der Runde über die Kurzanbindung zur Startaufstellung – ich bin der erste, der sich auf den Weg dorthin macht – mache ich daher einige Schlenker und Bremsmanöver. Die bereits aufmarschierten Zuschauer werden sich fragen, was das Reifenaufwärmen soll, mehrere Stunden vor Rennbeginn.  Sie können es ja nicht wissen.

Erst einmal verfahre ich mich und suche auf der Querspange zwischen Nordschleifeneinfahrt und Grand-Prix-Kurs ein Plätzchen in der Startaufstellung, das ich von der VLN kenne, wo oft fast 200 Autos starten. Aber hier bin ich falsch und werde zur Start-Ziel-Geraden geschickt. Da wartet auch schon die Crew auf mich.

Dann beginnt das grosse Warten. Mit der Zeit gesellen sich meine Stallgefährten zu uns, dann gibt es Fotos, der eine oder andere begrüsst Bekannte und Mitstreiter in anderen Autos. Eine gepflegte Form des Zeittotschlagens, inmitten von Zuschauern. Ich habe komplett vergessen, dass ich mehrere Stunden in der Kälte stehen werde und habe keine Jacke dabei. Benji hilft mir zum Glück mit einer Extra-Jacke aus.

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Das Signal zum Verlassen der Startaufstellung kommt dann doch relativ rasch. Manuel Amweg ist für die Einführungsrunde und den Startstint bereit. Als die Ampel auf Grün geht, ist er bereits auf dem Vormarsch und zieht bereits in der ersten Rennrunde an unserem V3-Konkurrenten aus Belgien vorbei. Runde für Runde vergrössert er den Vorsprung auf trockener Piste und übergibt nach fast zwei Stunden an Thomas Lampert. Wir beobachten seine Position auf dem fast 26 Kilometer langen Kurs über die GPSauge-App, doch um etwa 18 Uhr 30 steht das Rechteck mit der Startnummer 196 still. Ein Motorproblem stoppte den Toyota GT 86 im Bereich Quiddelbacher Höhe. Das Team rückt aus und erkennt rasch, dass eine umfangreiche Reparatur nötig ist. Das lohnt sich, denn auch unser einziger Konkurrent könnte jederzeit ausfallen.

So machen sich Uwe Kleen, Hannes Gautschi, Roland Baumann, Phil Convent daran, den Wagen wieder flott zu machen. Mit dabei auch Thomas Lampert selbst, der als erfahrener Toyota-Garagist eine grosse Hilfe bei der Behebung des Schadens ist und darauf besteht, den Wagen nach erfolgreicher Reparatur wieder auf die Strecke zu bringen. Für mich als nächsten Einsatzpiloten heisst das Abwarten, allzeit bereit.

IMG_3575Um kurz vor 1 Uhr morgens ist der Toyota GT 86 wieder bereit, der Motor läuft wie eine Uhr, allerdings fehlen nun alle Fahrdynamiksysteme wie ABS und ESP. Als ich übernehme, hat es zudem bereits zu regnen begonnen, ich bin auf Regenreifen unterwegs. Hinzu kommt, dass sich eine Vielzahl an Unfällen auf der ganzen Strecke ereignet hat, die Ölspuren und defekte Teile auf der Piste hinterlassen haben. Ich verhalte mich so vorsichtig wie es nur geht, allerdings ohne zu trödeln.

Doch leider drückt mich ein Konkurrent bei der Anfahrt auf Wehrseifen rechts ins Gras, just in der Bremszone. Mit vier blockierenden Rädern – eben ohne ABS – schlittere ich links hinüber in die Leitplanke. Der Aufprall bei etwa 60 km/h ist aufgrund des relativ günstigen Winkels nicht allzu heftig. Allerdings ist die Lenkung komplett verstellt, der Wagen kaum lenkbar. Jetzt heisst es in der Dunkelheit mit etwa 30 km/h auf die Reise zurück in die Box zu gehen. Schwierig, denn gerade die GT3-Fahrzeuge der schnellsten Kategorie fliegen teils mit mehr als 200 km/h Geschwindigkeitsunterschied an mir vorbei, mal links mal rechts. Mehrfach sehe ich mich bereits als Abschussopfer, doch die Rückfahrt gelingt ohne weitere Zwischenfälle.

Ohne mit der Wimper zu zucken, reparieren die Jungs auch diesen Schaden in Windeseile. Nach 20 Minuten übernimmt Benji den Wagen, der wieder lenkbar ist und nun über viel weisses und rotes Klebeband am vorderen linken Kotflügel verfügt. Mein nächster Einsatz ist erst am Morgen. Zeit für etwas Schlaf im Hotelzimmer, allerdings braucht es einige Zeit, bis ich mich vom Zwischenfall erholt habe – und von der deprimierenden Tatsache, dass ich dem Team nach bereits fünfstündiger Motorreparatur einen weiteren Rückschlag mit viel Arbeit beschert habe. “Mach Dir nichts daraus, das gehört einfach dazu beim 24-Stunden-Rennen”, sagen mir mehrere Teammitglieder. Das hilft.

D71_7935Bei Sonnenaufgang bin ich wieder frisch und einsatzbereit in der Box, nach etwa 90 Minuten Schlaf. Kurz bevor ich ins Fahrzeug steige, hat unser Konkurrent einen kapitalen Unfall im Bereich Eschbach erlitten und muss aufgeben. Das bedeutet für uns, von nun an so zuverlässig wie möglich unsere Runden zu fahren, um das Ziel zu erreichen. Allerdings darf dies nicht zu langsam sein, denn wir wollen noch in die offizielle Wertung kommen, obwohl wir durch die beiden Zwischenfälle viel Zeit verloren haben. Die Strecke ist nun wieder komplett trocken, ich drehe meine Runden zügig aber umsichtig. Einmal wird es knapp, als mir beim Flugplatz ein BMW Z4 GT3 im Kurveninnern den Weg abschneidet – aber ich sehe ihn rechtzeitig. Die Teamkollegen verfolgen die Situation zufällig live am Fernsehen, da unser Schwesterauto mit Onboardkamera ausgerüstet ist und sich ebenfalls in der Nähe aufhält. Der Schock bei Thomas Lampert ist am TV insofern grösser als bei mir, da ich blitzschnell reagieren kann.

Der Turnus für die letzten Stints ist nun festgelegt, die Zieldurchfahrt würde auf mich fallen. Doch verdient hat diese Ehre vielmehr Thomas, der massgeblich an der Motorreparatur und der weiterhin möglichen Fahrt zum Klassensieg beteiligt war. Ich trete ihm daher meinen Stint ab, er nimmt zum Glück gerne an.

Kurz nach 16 Uhr ist es dann tatsächlich soweit. Der Toyota GT 86 hat nicht mehr gezickt und hat sich als so zuverlässig erwiesen, wie wir es von ihm gewohnt waren. Für Thomas Lampert, das verrät er im Ziel, sind die letzten Runden hochemotional. Als wir ihn im Parc Fermé abholen, ist er das heulende Elend, aber vor lauter Freude. Was folgt, ist viel Feiern, Champagnerdusch-Duell mit unserem Schwesterauto, dem Lexus IS F CCS-R, der in seiner Klasse Zweiter wurde, und das ungläubige Kopfschütteln von uns vier Piloten, die es noch nicht fassen können: Vier Rookies beim 24h-Rennen, Klassensieg.

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