Die Kehrseite der Rennsportmedaille

Eigentlich sollte das Gefühl überwiegen, das die ersten Stunden des Saisonstarts in der VLN dominierte: Schön dass es wieder los geht. Eigentlich.

Dabei fing alles so gut an. Meine ersten Runden im freien Training zum Auftakt der VLN Langstreckenmeisterschaft 2015 fühlten sich gut an. Alle Kurven der Nordschleife und des verkürzten Grand-Prix-Kurses auf dem Nürburgring waren noch immer abgespeichert, die Handgriffe vor dem Einsteigen in den Toyota GT 86 wie auch im Wagen waren vertraut, alles passte.

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Einzige Irritation war zunächst das Fehlen einer Markierung auf dem Asphalt beim Streckenabschnitt Brünnchen. Da hatten sie frischen Belag gelegt, und da fehlten die Graffiti – und damit mein gewohnter Bremspunkt. Aber in Runde zwei war das erledigt.

Die Reifen im freien Training liessen den Wagen bei hohem Tempo gelegentlich kurz ausbrechen, sie waren stark abgefahren. Das änderte sich im Qualifying am nächsten Tag, als es wie am Vorabend im freien Training überall trocken und teils sonnig war. Der Grip war jetzt deutlich besser, wenngleich in Fuchsröhre, Pflanzgarten und Galgenkopf das Heck gelegentlich etwas schwänzelte. Gewöhnungssache.

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So war fürs Rennen eigentlich alles bestens. Teamkollege André da Silva hatte im Qualifying Glück, weil er eine ganz freie Runde hatte, die er sehr schnell absolvierte. Danach war für uns alle keine Zeitverbesserung mehr möglich, weil ein schwerer Unfall am Ende der Döttinger Höhe für Doppelgelb und Tempo 60 sorgte. Gut, mein Vordermann hätte ja nicht gleich auf 48 km/h abbremsen sollen, aber meine Rundenzeiten waren ohnehin wegen der Doppelgelb-Zone wertlos.

Unsere Zeit bedeutete Pole Position in der Klasse V3. Ein Achtungserfolg, wenngleich in einem Vierstundenrennen die Startposition sekundär ist. André war allerdings als Startfahrer rasch auf dem Vormarsch und distanzierte den zweiten rotweissen GT 86 stetig, wie sich am GPS-Bildschirm mitverfolgen liess. Dann aber war die 524 plötzlich ganz langsam, und als der Wagen in die Box kam, musste die Vorderachse repariert werden. André hatte eine Kollision im Bereich Hohe Acht.

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Ich überlegte, meinen geplanten Rennstint um eine Runde zu verkürzen, damit unser Fahrer Nummer 3, Christoph Lötscher, auch noch genügend Runden fahren könnte. Doch dazu kam es nicht: Rote Flagge in Runde sechs, und zunächst war noch nicht klar, was passiert war.

Erst als das Ausmass des Unfalls mit Zuschaueropfer klar wurde, fuhr es allen in die Knochen. Das Gefühl ist zwiespältig: Wie hätte man einen solchen Abflug über die mehrere Meter hohen Fangzäune vorhersehen können? Was bedeutet das fürs Rennen und die Meisterschaft? Rennabbruch, natürlich. Keine Rennrunden für mich, aber das ist völlig nebensächlich. Mein Mitgefühl gilt allen Angehörigen und Freunden des Verstorbenen, und allen verletzten Supportern, ohne die unser Sport nichts wäre.

Jeder der Teilnehmer kennt diese Stelle beim Flugplatz, wo die Fahrzeuge nach einer steilen Bergaufpartie kurz sehr leicht werden. Unterluft und ein Abheben der Vorderachse hat es beim Toyota GT 86 bisher nicht gegeben, dafür ist der Wagen mit seinen 200 Sauger-PS an dieser Stelle auch nicht schnell genug.

Aber eins ist klar: Die Fahrzeuge, insbesondere in den schnellen Klassen der GT3, haben sich leistungsmässig und aerodynamisch enorm weiterentwickelt. Nicht so die Nordschleife, die trotz ihrer Einzigartigkeit nicht die gleichen Auslaufzonen bieten kann wie moderne Grand-Prix-Kurse. Zu überdenken ist daher der rasant wachsende Leistungsüberhang der Topautos, und nicht die legendäre Strecke, die nun mal nicht aus ihrer Eifel-Haut kann, aber unbedingt für die VLN erhalten bleiben muss.

Ich jedenfalls, auch wenn mir der Unfall heute noch mehr in den Knochen steckt als gestern, wäre gerne in vier Wochen wieder am Start zum nächsten Lauf. Ich hoffe, mich darauf freuen zu können.

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