„Die Schweiz hat den Schwerverkehr unter den Berg gebracht“

Reinhold Messner gilt als der Ur-Vater des modernen Alpinismus – sozusagen der Prototyp des kletternden Fussgängers. Im Gespräch mit AutoSprintCH gibt der bald 70-Jährige allerdings zu, dass auch er nicht ohne das Auto funktionieren kann. Und zeigt Bewunderung für die Mobilität in der Schweiz.
ReinholdMessnerInti_01Reinhold Messner, Sie haben in den Siebziger und Achtziger Jahren den Alpinismus in die gute Stube gebracht. Ist er noch das, was Sie damals populär gemacht haben?

Es hat sich tatsächlich vieles geändert. Was jetzt im Alpinismus passiert, ist grossenteils Tourismus. Am Everest zum Beispiel wird jedes Jahr ein Klettersteig, eine Piste gebaut. Das ist hochwertiger, teurer Tourismus, aber warum nicht? In den Alpen haben wir das Gleiche getan.

Das erinnert an den heutigen Strassenbau. Überall werden Autobahnen und Schnellstrassen gebaut, damit man die schönsten Ecken der Natur schneller und einfacher erreichen kann. Verträgt sich das mit Ihrer Idee von Nachhaltigkeit?

Wir sind eine mobile Gesellschaft. Wenn wir unsere Mobilität nicht aufrechterhalten, müssen wir alle eine Stufe zurückstecken in der Lebensqualität. Wir sind heute durch die globale Wirtschaft stark vernetzt. Wir sind es gewohnt, dass Güter mit dem Lastwagen in Europa verteilt werden.

Und Sie selbst fahren auch Auto, einen Opel Ampera.

Der Ampera begeistert mich. Ich schätze an dem Fahrzeug besonders die Möglichkeit, bei regelmässiger Batterieaufladung nahezu unabhängig von fossilen Brennstoffen zu sein. Das ist eine Pionierleistung: Hier haben mutige Techniker jahrelang geforscht, entwickelt, an ein Ziel geglaubt – und es hat sich gelohnt.

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Träumen Sie nicht von einer autofreien Welt?

Wir sind alle mobil. Wir steigen ins Auto ein, auch ich, mea culpa, und fahre vom Berg herunter für einen Vortrag oder andere Termine. Ich brauche ein Auto, sonst kann ich mein Leben nicht führen. Ich fahre immerhin inzwischen Zug, wenn ich grössere Strecken im deutschsprachigen Raum zurücklegen muss. Das funktioniert am besten in der Schweiz, die ist am besten in der Mobilität.

Inwiefern?

Die EU sollte das kopieren, die Schweizer Mobilität ist die beste Vorlage. Und das, obwohl es schwierig ist, in der Schweiz die Mobilität zu garantieren. Die Schweiz hat den Schwerverkehr unter den Berg gebracht, auf die Schiene. Die EU nicht, dort wächst der Schwerverkehr auf Asphalt, und der auf der Schiene schrumpft – weil wir es nicht können. Das muss man neu regeln, aber in der EU kann man den Wechsel auf die Schiene nicht zwingend vorschreiben.

Wo liegt das Problem?

Der Strassenverkehr ist ein Grundpfeiler der EU-Philosophie, den man erst kippen müsste. Das ist die Nachhaltigkeit, die wir zu diskutieren haben.

Foto 1 copyMüssten Sie dann nicht auch im Alpentourismus Abstriche machen?

In den Gebirgen leben wir vom Tourismus, dort müssen wir sogar Tourismus betreiben können. Dort, wo der Mensch schon immer gearbeitet hat, wo er Heu geerntet, Tiere gezüchtet und auf die Weide gebracht hat, wo er Holz geholt hat, wo er Wild gejagt hat, dort soll der Älpler weiterhin wirtschaften können. Aber darüber hinaus, wo der Mensch nicht hinging, um Gefahren zu meiden, also unter Felswände oder in die Gletscher hinein, dort sollte man alles lassen wie es ist. Dann hat der Berg diese Kraft, die Leute fernzuhalten, die keine Alpinisten sind.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Tourismus und Alpinismus?

Ganz einfach. Auf 2400 m ist die Grenze der Infrastruktur in den Alpen. Im Himalaya liegt sie auf 5000 m.

Machen Ihnen steigende CO2-Werte, der Klimawandel und die Gletscherschmelze nicht zu schaffen?

Man muss das ganzheitlich betrachten: Am Südpol nimmt die Eisdecke wieder zu, in der Mitte ist sie vier Kilometer dick. Da 86 Prozent des Eises auf der Erde in der Antarktis liegt, ist der Verlust in den Alpengletschern vergleichsweise gering. Das spielt im Eisgleichgewicht der Erde fast keine Rolle. Der Alpeneisrückgang macht nicht einmal ein Prozent aus.

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