Gartenparty für grosse Jungs

Das Goodwood Festival of Speed bietet alles, was Autofans sich wünschen: Ehrwürdige Atmosphäre, Rennwagen im Drift, gepflegte Oldtimer auf grünen Wiesen und Weltpremieren. Und füllt damit auch die Lücke eines grossen britischen Autosalons.

Schon die Anfahrt zum Anwesen von Lord March, dem Goodwood House in der Nähe des südenglischen Chichester ist typisch britisch. Kleine kurvige Strässchen, hohe Hecken, jede Menge Braunvieh auf der Weide. Die Idylle wäre perfekt, aber hier geht es um Autos, um Benzingeruch, Fehlzünder, qualmende Reifen. Alles was ein Mann braucht.

Wer lieber nicht im Stau stehen mag, gönnt sich die Luxusnummer mit Hubschrauber. In England nicht unüblich, denn offenbar gelingt es nicht, den Strassenverkehr nachhaltig zu bändigen. Erinnerungen werden wach an Zeiten, als zum Beispiel der F1-Grand Prix von Silverstone nur über Schleichwege zu erreichen war, die über Bauernhöfe und durch Scheunen führten.

Goodwood027 Goodwood022

Hat man es denn aber geschafft auf den für Fans heiligen Rasen vor dem Herrschaftshaus des Earl of March aus dem 18. Jahrhundert, hat es sich schon gelohnt. Jedes Jahr stellt der Mann mit seinem Event-Team eine imposante Skulptur vor die efeubewachsene Schlossfassade. In diesem Jahr einen 26 Meter hohen und 60 Meter langen weissen Bogen, der von der Rückseite übers Dach nach vorne führt und das Hauptthema präsentiert: Die 120-jährige Geschichte von Mercedes im Rennsport, in der 160 Tonnen schweren Skulptur kunstvoll vertreten durch eine Replika des W25 von 1934 und einen 2013er F1-Boliden Typ Mercedes AMG Petronas W04.

Goodwood023 Goodwood024

Ein Bereich ist dem 25-Jahr-Jubiläum des Mazda MX-5 gewidmet. Und das im Bereich der Historie, obwohl Mazda hier doch eigentlich eine kommerzielle Show abzieht, in deren Mittelpunkt das neue Sondermodell “MX-5 25th Anniversary” sowie das Chassis des kommenden neuen Roadstermodells steht. Um Lord March zu beschwichtigen, hat man aus dem Display eine Geschichte zur Entstehung des Roadsters gestrickt, mit einem MG Midget und einem Lotus Elan als weitere Beispiele für historische offene Zweisitzer. Der Haken für Schweizer MX-5-Anhänger: Das Sondermodell wird es nicht zu den Schweizer Händlern schaffen, denn nur 100 linksgesteuerte Exemplare wurden für den US-Markt gefertigt, und die sind längst ausverkauft. Und der neue MX-5 kommt erst nächstes Jahr zu uns.

Day 1 Festival of Speed Goodwood011 Goodwood007

Im “Supercar Paddock” tummeln sich aktuelle Supersportwagen vom BMW i8 über den Porsche 918, Koenigsegg bis hin zum McLaren 650S. Hier wird der Aston Martin DP-100 feierlich enthüllt, die Realität gewordene Studie eines Superboliden für das Playstation Game GranTurismo6 – und natürlich ist Spielgründer und Polyphony-Chef Yamauchi-San höchstpersönlich dabei. Wenige Meter weiter im Feld präsentiert Nissan den GT-R Vision 2020, sozusagen den japanischen Gegenentwurf zum Aston für die Spielkonsole.

Goodwood025Zwei weitere Schwerpunkt-Shows erfreuen die Herzen der Klassik-Liebhaber: In der “Cartier Style et Luxe” finden sich auf einer Wiese, die Pebble Beach zur Ehre gereichen würde, historische Vorkriegsfahrzeuge, z.B. von Mercedes (36/220S von 1928, 380 K Roadster von 1933, 500 K Cabriolet von 1935). Und zum 100-Jahr-Jubiläum hat Maserati in Goodwood eine Show parat, die schon fast an die Ausstellung im Ferrari-Museum von Modena heranreicht, die nur eine Woche zuvor eröffnet wurde.

Friday 11.03.13Die 1,86 km kurze Hillclimb-Strecke, eigentlich die Zufahrtsstrasse zum Goodwood House und den herrschaftlichen Stallungen und Aussengebäuden, trennt die historischen Fahrzeuge vom Ausstellungsbereich für Autos der Neuzeit. Hier haben viele Hersteller doppelstöckige Bauten erstellt, in denen sie ihre Neuheiten präsentieren. Ford wartet in diesem Jahr gar mit der Weltpremiere des Focus ST auf. Land Rover hat auf kleinstem Raum eine Offroad-Demostrecke gebaut, auf der Kunden über schwierigsten Geländehindernisse befördert werden. Respekt.

Goodwood016 Goodwood015

Auf der Hillclimb-Strecke sind dermassen viele rennsportliche und geschichtsträchtige Preziosen am Start, dass mehr auffällt, wer nicht dabei ist als umgekehrt. Vom Vorkriegsrennwagen bis hin zu letztjährigen F1-Autos, vom Le Mans-Sieger letzter Woche bis zum Rallye-Weltmeisterwagen – alles ist da. Selbstverständlich pilotiert von Weltmeistern und Ex-Weltmeistern jeglicher Couleur. Dabeisein ist eigentlich Pflicht.

Garniert wird die grosse Show für Freunde des Verbrenner-Motors von einer Vielzahl kleiner Aussteller und Anbieter hübscher – und oft seltener – Memorabilia. Senna ist an jeder Ecke präsent, genauso wie Surtees, Stewart, Clarke und Hill.

Doch Lord March reicht das noch lange nicht. Er hat die “Red Arrows” gerufen, Grossbritanniens Stolz der Lüfte. Die Kunstflugstaffel der Royal Air Force darf im Luftraum über Goodwood alles zeigen, was sie drauf hat. Wem die schnellen Boliden, die im Renntempo zwischen Strohballen über die Bergrennstrecke wetzen, nicht Nervenkitzel genug sind, denen läuft es spätestens bei den haarsträubenden Luftmanövern der Red Arrows kalt den Rücken herunter.

Damit ist der Tag zu Ende, das übervolle Goodwood-Tagesprogramm ist abgespult. Der Eindrücke sind es fast zu viele, das Gedächtnis läuft über. Doch wem es nicht reicht, der kehre am Samstag oder Sonntag zurück. Dann mag es zwar regnen, aber egal – das Festival of Speed ist ja nur einmal im Jahr.

Goodwood034

Noch keine Kommentare bis jetzt.

Einen Kommentar schreiben