Im Windschatten der Geschichte

Mit der Giulietta Sprint feiert Alfa Romeo den 60. Geburtstag des legendären Sportcoupés. Mit einem neuen Motor im Programm sowie einer dezenten Sonderausstattung bringt die neue Variante frischen Wind in die Modellpalette der italienischen Marke.

AlfaRomeoGiuliettaSprint2014_01 Es rumort im Haus Marchionne. Beim Fiat-Chrysler-Konzern FCA sind nach zuletzt wenig ermutigenden Unternehmenszahlen und dem geräuschvollen Abgang von Luca die Montezemolo aus der guten Stube Ferrari gute Nachrichten Mangelware. Um vom langsamen Niedergang der Marke Lancia etwas abzulenken, konzentriert sich der italienisch-kanadische Konzernchef nun auf die Tradition und erfolgreiche Geschichte von Alfa Romeo. Unlängst kündigte Marchionne für den 24. Juni 2015 eine kleine Alfa-Sensation an, ohne jedoch näher darauf einzugehen.

Bis dahin ist noch Zeit zu überbrücken. Was läge da näher, als Jubiläen zu feiern und so quasi den Windschatten der erfolgreichen Vergangenheit zu nützen? Nachdem Alfa Romeo vor vier Jahren mit der fünftürigen Kompaktlimousine Giulietta den hundertsten Geburtstag der Marke feiern durfte, ist es nun ein Giulietta-Sondermodell, das zu einem weiteren Jubiläum für Aufsehen sorgen soll.

AlfaRomeoGiuliettaSprint2014_02Exakt 60 Jahre nach der Lancierung der Alfa Romeo Giulietta Sprint wurde der Beiname wieder aus der Versenkung geholt und dient nun einer Modellvariante des Fünftürers, die von ihrem gelungenen Design nichts eingebüsst hat und sich durch zusätzliche Karosseriedetails auszeichnet. So verfügt der „Sprint“ über sportliche Seitenschweller und einen Diffusor im unteren Heckbereich, in den die nun grösseren Auspuffendrohre integriert sind. Die Dieselvarianten erkennt man an einem einzelnen Endrohr links, die Benzinversionen verfügen über eine zweiflutige Abgasanlage mit je einem Auspuff links und rechts.  Der Frontgrill, die Türgriffe und die Aussenspiegel sind in Anthrazit lackiert. Hinzu kommen neue 17-Zoll-Felgen im charakteristischen Fünfloch-Design. Im Innern machen Stoffsitze mit Alcantara-Einlagen und „Sprint“-Schrifzügen, ein modernisiertes Infotainment und Kunststoffelemente mit Karbon-Muster auf die neue Variante aufmerksam.

AlfaRomeoGiuliettaSprint2014_04Das eigentlich Neue ist unter der Haube zu finden. Denn neben den zum Schweizer Marktstart im Dezember angebotenen Antriebsvarianten mit Zweiliter-Turbodiesel in den Leistungsstufen 150 und 175 PS und dem 1,4-Liter-Turbobenziner mit 170 PS figuriert ein neuer Multiair-Benzinmotor mit 150 PS im Programm. Auf der Fahrt zeichnet sich das neue Triebwerk durch hohe Laufkultur und Agilität aus. Die Leistung ist für den italienischen Kompaktwagen durchaus ausreichend und gibt ihm eine spritzige Note, insbesondere in der sportlichen Vorwahl-Einstellung „Dynamic“. Alfa Romeo verspricht eine Beschleunigung aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer in 8,2 Sekunden sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h.

Zum sportlichen Fahreindruck tragen zwei Elemente bei, die für die Giulietta zwar nicht neu sind, aber den dynamischen Charakter des „Sprint“ unterstreichen. So verfügt auch das Sondermodell über die hochpräzise Doppelritzel-Servolenkung sowie ein ausgewogen abgestimmtes Fahrwerk mit Mehrlenker-Hinterachse.

AlfaRomeoGiuliettaSprint2014_03AlfaRomeoGiuliettaSprint2014_05Keine Frage, der 150 PS starke 1.4 Multiair lässt sich effizient fahren, wozu auch das serienmässige Stopp-Start-System beiträgt. Doch liegt der Verbrauch des neuen Antriebs mit 5,7 Litern je 100 Kilometer im Bereich des 170-PS-Motors, und auch beim Drehmoment gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Benzinern.

Warum also die schwächere Version wählen, wenn Verbrauch und Agilität sich nur unwesentlich unterscheiden? Das Getriebe macht den Unterschied, denn die stärkeren Motorvarianten werden ausschliesslich mit TCT-Doppelkupplungsgetriebe und Schaltpaddeln im Ledersportlenkrad angeboten, die anderen Modelle sind nur mit präziser Sechsgangschaltung verfügbar. Damit wird klar, warum sich Kunden für den neuen 150-PS-Benzinmotor interessieren könnten: Mit 34’700 Franken ist der handgeschaltete Alfa Romeo Giulietta Sprint 1.4 Multiair 150 PS exakt 3800 Franken günstiger als der stärkere mit TCT und hat damit beim Preis-Leistungs-Verhältnis die Nase vorn. Die Zweiliter-Dieselvarianten sind erwartungsgemäss noch etwas teurer und kosten ab 36’200 Franken (150 PS) bzw. 39’200 Franken (175 PS).

Ein kleiner Makel bleibt, denn im Unterschied zum Urmodell von 1954 ist die Giulietta der dritten Generation als „Sprint“ kein zweitüriges Coupé. Das wäre der erste Wagen dieses Namens ursprünglich auch gar nicht gewesen. Doch aufgrund einer unerwünschten Geräuschentwicklung bei der viertürigen Giulietta-Limousine wurde kurzfristig der von Bertone gezeichnete Zweitürer vorgezogen, der noch heute mit seiner eleganten Linienführung dem Auge schmeichelt. So darf Louis-Carl Vignon, Markenchef von Alfa Romeo Europa, mit einigem Stolz behaupten: „Die Zukunft gehört denen, die eine grossartige Vergangenheit haben.“ Sein Wort in Marchionnes Ohr. Am 24. Juni 2015 wissen wir mehr.

Artikel erschienen in der “Neuen Zürcher Zeitung” vom 13.11.2014

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