“In Frankreich waren sie mutiger”

Opel-Designer Erhard Schnell ist stolz auf seinen Opel GT. Im Interview verrät er, dass er beim Prototyp Experimental GT auf die Hilfe externer Prototypenwerkstätten in Paris angewiesen war.

ErhardSchnell03Erhard Schnell, Jahrgang 1929, studierte vor seinem Beginn als Designer bei Opel Gebrauchsgrafik und gilt als Vater des GT. Er wurde 1964 mit der Entwicklung der Studie beauftragt und brachte die Design-Visionen schnell zu ihrer endgültigen Gestalt. Der Experimental GT war geboren, seine wohlgerundeten, dynamischen Formen brachten der Silhouette den Spitznamen „Coke Bottle“ ein, wie er schon für die Corvette aus dem gleichen Mutterkonzern General Motors diente. In ebenfalls kurzer Zeit wurde aus dem Experimantal GT ein Produktionsmodell für die Grossserie. Danach gab Schnell unter anderem der ersten Generation des Corsa ihre Gestalt und entwickelte die Form des Aerodynamik-Weltmeisters Calibra. Heute lebt der rüstige Pensionär in Südhessen, vom Design und Gestalten kann der Finger jedoch noch lange nicht lassen – wie er im Interview anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Opel Designstudios in Rüsselsheim bestätigt.

Der Experimental-GT – war diese Studie von langer Hand geplant?

Nein, überhaupt nicht. Sie war die Idee von Clare MacKichan, der kurz zuvor als Design-Chef aus Detroit nach Rüsselsheim gekommen und von der Idee überzeugt war, dass wir einen klassischen Sportwagen entwickeln könnten. Er stellte sich ein kompaktes, besonders aussagekräftiges Fahrzeug vor. Aber klar war nur, dass es ein zweisitziger Sportwagen werden sollte.

ErhardSchnell01Sie waren damals Leiter der Vorausentwicklung im Design. Haben Sie sich in Anbetracht der kurzen Entwicklungszeit ganz auf die Vollendung des GT konzentrieren können?

Das wäre zu schön gewesen. Nein, leider nicht. Wir haben auch an anderen Opel-Fahrzeugen gearbeitet, den Rekord und den Kadett weiterentwickelt. Dem GT konnten wir uns nur alle paar Wochen widmen. Dann aber mit viel Herzblut. Jeder, auch die jungen Kollegen, die gerade vom Art Center of Design in Pasadena zu uns gekommen waren, haben eigene Ideen vorgestellt. Aus all diesen Entwürfen ist dann allmählich das endgültige GT-Design entstanden. Es war wirklich erstaunlich, dass die Studie und das Serienmodell jeweils in weniger als drei Jahren entwickelt werden konnten.

War die Entwicklung tatsächlich so geheim?

Allerdings. Clare MacKichan hatte den Vorstand wirklich nicht eingeweiht. Als die Studie dann fast fertig war und auf der IAA gezeigt werden konnte, kam er aber nicht drum herum, seine Vorgesetzten zu informieren. Wir hatten wirklich arge Bedenken, als der Experimental GT zum ersten Mal intern vorgeführt wurde. Uns ist dann ein riesiger Stein vom Herzen gefallen, als die hohen Herren spontan applaudiert haben und völlig hingerissen waren.

ErhardSchnell06Wahrscheinlich weil die Studie so viele neue Design-Elemente aufwies…

Sie meinen die Klappscheinwerfer? Ja sicher auch wegen diesen. Aber es gab noch viel mehr Details. Wir haben Vollrahmentüren vorgesehen, die nur geringe Fertigungstoleranzen zuliessen. Aber die waren Voraussetzung für die aussagekräftige Dachform des GT. Auch dass der Wagen keinen klassischen Kofferraum hatte, war ein Novum.

Haben Sie denn an einem Nachfolgemodell gearbeitet?

Selbstverständlich. Wir waren sogar schon sehr weit. Es gab ein Modell, das grösser war und sehr dynamisch wirkte. Das Problem waren wirklich die Stossfänger, die für Amerika vorgeschrieben wurden und das elegante, dynamische Design völlig entstellt hätten. Damit wurde die Form für die Vereinigten Staaten unattraktiv. Und natürlich die Ölkrise. Die hätte den Erfolg eines Nachfolgers in Europa mehr als in Frage gestellt.

Haben Sie den Zeichenstift jetzt im Ruhestand aus der Hand gelegt?

Ganz und gar nicht. Ich habe meine Arbeit einfach auf mein Zuhause übertragen. Gestalte den Garten oder mein Haus. Oft aquarelliere ich auch noch. Ganz werde ich die Finger wohl niemals davon lassen können.

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Wie fühlt sich das an, wenn wie heute junge Designer den Experimental GT als Tonmodell in Lebensgrösse nachbauen?

Für mich ist es eine schöne Bestätigung meiner Arbeit von damals. Heute gäbe es ja auch viel weniger Restriktionen beim Bau eines solchen Prototyps – da ist es schon eine Ehre, dass man sich dennoch wieder der klassischen Form des GT widmet.

ErhardSchnell05Was für Probleme hatten Sie denn damals 1964 beim Bau des Experimental GT?

Bei uns waren die Prototypenbauer eingeschränkt. Die sagten mir beim Betrachten meiner Entwürfe immer wieder “Geht nicht”. Da habe ich angefangen, mit zwei Firmen in der Nähe von Paris zu arbeiten. Als das Grunddesign stand, habe ich da sofort gefragt: “Können Sie das bauen?” – die Antwort war: “Sans problème”. In Frankreich waren sie halt mutiger.

Was konnten die Franzosen konkret besser als die Rüsselsheimer?

Da waren zum einen die Türen mit ihrem starken Einzug in die Karosserie. Das Spezielle war daran, dass sie richtige Türrahmen aus Blech hatten – nicht aufgesteckte Scheibenrahmen. Die Franzosen konnten das bauen. Zum anderen gelang es in Paris, engere Radien zu bauen als bei uns. So wurde die “Coke Bottle” erst möglich.

ErhardSchnell07Wenn Sie Ihr Werk heute selbst kritisch begutachten, würden Sie den Prototyp heute anders gestalten?

Durchaus. Ich hätte zum Beispiel beim Experimental GT das Heck schmaler gemacht, mit stärkerem Einzug. Den Radläufen hätte ich Lippen gegeben, damit die Räder schöner drunterpassen. Die Front ist mir zu schnabelförmig geworden, ich hätte sie im unteren Bereich voluminöser gestaltet, und dabei die Stossstange vorne etwas tiefer platziert.

Tut das weh, wenn Sie sich das heute betrachten?

Es schmerzt nicht besonders, denn ich konnte diese Dinge beim Serienmodell alle korrigieren. Da sieht man mal, wozu Prototypen gut sind.

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