Nächste Stufe gezündet

Diesmal galt es ernst: Gemeinsam mit dem Liechtensteiner Thomas Lampert bestritt ich mein erstes Rennen in der VLN Langstreckenmeisterschaft. Wir sind sicher ins Ziel gekommen und waren letztlich schneller als 94 Konkurrenten. Ein guter Start ins Kapitel Rennergebnisse.

VLN2014-60R_11Es begann wie in jedem guten Training mit lockerem Warmmachen. Was übersetzt soviel heisst wie freies Fahren auf dem Grand-Prix-Kurs des Nürburgrings. Doch das Gefühl fürs Auto ist von Anfang an deutlich besser als in den ersten beiden freien Trainings im Frühsommer. Die Bremsen lassen sich besser dosieren, das ABS reagiert nicht mehr so schlagartig und fällt auch nicht mehr aus. Die Lenkung ist einfacher zu beherrschen, und das Fahrwerk liefert wie die Pirelli-Pneus noch eine Spur mehr Grip. So habe ich viel mehr Vertrauen ins Fahrzeug als bisher. Das Ergebnis: Ich bin auf Anhieb vier Sekunden schneller – nicht wenig auf der 3,6 km kurzen Sprintstrecke via Kurzanbindung.

Einige “Kollegen” haben es besonders eilig. Einer gar, ein BMW Z4 der schnellsten Kategorie, überholt mich ausgangs Coca-Cola-Kurve aussen herum, just als es mich langsam Richtung Kerbs hinaustreibt. Muss man nicht verstehen, wäre auch schwierig.

VLN2014-60R_13Dann am Freitagnachmittag erstmals mit dem Toyota GT 86 Rennauto hinaus auf die Nordschleife, gemeinsam mit rund 200 Konkurrenten, die sich wie ich fürs Qualifying am Samstag schon einmal auf den Kurs “einschiessen” wollen. Ich bin besonders vorsichtig und lasse bereitwillig genügend Platz für die ultraschnellen GT3-Fahrzeuge und solche, die mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern rasch herannahen. Doch bin ich fast zu rücksichtsvoll und gebe oft die Ideallinie frei. Der Haken: Ich sammle mit den warmen Slicks jede Menge Gummiabrieb auf – das führt zu Unwucht und Vibrationen am Lenkrad.

Nach vier Runden Boxenstopp und Übergabe an Thomas Lampert, meinen liechtensteinischen Teamkollegen, der sich an diesem Wochenende den Toyota GT 86 mit der Startnummer 524 teilt. Doch noch auf der Auslaufrunde über den Grand-Prix-Kurs überholt mich im Advan-Bogen – ich bin schon ganz links aussen am Streckenrand, um Platz zu lassen, ganz knapp ein Cup-BMW. Er zieht vor mir ebenfalls nach aussen und berührt meinen GT 86 ganz leicht. Unnötiger Lack- und Aufkleberaustausch.

VLN2014-60R_02

Diese Schramme war unnötig. Aber offenbar normale Kampfspuren.

“Das sind normale Kampfspuren”, sagt einer, der es wissen muss: Roland Schmid, einer der schnellsten Piloten im Toyota GT 86 Cup, der regelmässig auf dem Schwesterauto mit der Nummer 532 startet. “Solche Berührungen gehören auf der Nordschleife tatsächlich einfach dazu”, bestätigt auch Uwe Kleen von Ring Racing. Ärgert mich trotzdem.

Samstagmorgen geht’s ins Qualifying. Thomas Lamparter hat bereits drei Runden absolviert, allerdings hatte er keine freie Runde und ist nicht ganz zufrieden. Ich lege ebenfalls drei Runden hin und fühle mich von Anfang an wohl im Auto. Alles passt, die Hitze ist vormittags noch gut auszuhalten, und ich halte meine Linie mehr als im freien Training. Das ist besser für die Reifen und die Rundenzeit, die entsprechend um dreissig Sekunden schneller ist als am Vorabend. Das macht Laune.

VLN2014-60R_01Fürs Rennen haben Thomas und ich uns so abgesprochen, dass er den Start und den ersten Turn übernimmt, ich den mittleren Abschnitt fahre, damit er noch die abschliessenden Runden ins Ziel bringt. Die Nervosität steigt langsam. Laut Strecken-App ist die 524 bereits im Abschnitt Bergwerk, also noch eine halbe Runde von Start und Ziel entfernt. Dann soll er noch eine Runde fahren. Doch kurzfristig entscheidet sich das Team, ihn eine Runde früher hereinzurufen. Stress pur, denn jetzt habe ich nur noch eine Minute, um mich bereit zu machen: Funkohrhörer, HANS, Balaklava, Helm, Brille auf, Funk einstecken, Handschuhe an. Gerade so geschafft, dann steht der Wagen bereits vor der Box und ist am Auftanken.

Jetzt blitzschnell einsteigen. Anschnallen übernehmen Hannes Gautschi – der Teamchef der sich für nichts zu schade ist – und Uwe Kleen, der Ring Racing Chef mit der gleichen Einstellung. Motor an, Benzinpumpe ein, Traktionskontrolle aus, Spiegel passt. Schultergurte nochmal selbst nachzurren – und los geht’s. Tempolimit in der Boxengasse auf 60 km/h nicht überschreiten, am besten im zweiten Gang bleiben. Dann raus auf den Grand-Prix-Kurs und keine Sorge – die Reifen sind noch warm genug für die erste enge Rechtskurve in der Mercedes-Arena.

VLN2014-60R_12

Von da an läuft es wie geschmiert. Alles passt, nur die Hitze ist enorm. Zum Glück vertrage ich die gut. Bin gespannt, ob ich die geplanten neun Runden ohne Erschöpfung durchhalte. “Keine Sorge, wenn Du müde bist”, sagte Hannes Gautschi in der Teambesprechung vor dem Start. “Du kannst Dich jederzeit per Funk melden. Zur Kontrolle meldest Du in jeder Runde kurz, wenn Du auf der Döttinger Höhe durchfährst. Dann wissen wir, dass der Funk funktioniert.”

Es ergeben sich etliche Momente, in denen schnellere Fahrzeuge vorbei müssen. Manche öffnen im Vorbeifliegen das Fenster und winken freundlich Danke – bei Tempo 250 km/h. Haarig wird es nur beim Vorbeilassen der schnellen BMW Z4, Mercedes SLS und Porsche GT3. Manchmal fahren die so eng hintereinander im Windschattenspiel, dass ich nur einen sehen kann. Den lasse ich gerne ziehen, aber Vorsicht – da kommt gleich noch eine versteckte Flunder hinterher. Muss ich in meine Fahrlinie einberechnen.

VLN2014-60R_10Ich selbst komme ebenfalls zum überholen. Ein Ford Fiesta, ein VW Lupo, ein älterer Opel Astra und ein Cup-Seat wollen ausgebremst werden. Das geht bei den 200 PS des Toyota-Saug-Benziners nicht ohne Anlauf und genügend Vorbereitung. Der kultige Opel Manta, komplett mit Fuchsschwanz, ist in langsamer Fahrt unterwegs, vermutlich mit Defekt. Den vor dem Schwalbenschwanz zu überholen tut mir fast schon leid.

Sechs Runden bin ich jetzt schon gefahren, oder waren es sieben? Ich melde mich per Funk, aber keine Reaktion. Ich frage nochmal nach, wie viele Runden noch. Wieder keine Reaktion. Ich fahre noch eine Runde und frage ab dem Abschnitt Pflanzgarten mehrfach nach. Keine Bestätigung. Sind die geplanten neun Runden schon durch? Ich will nicht riskieren, ohne Sprit irgendwo weit weg stehen zu bleiben und fahre an die Box.

Grosse Überraschung im Team. “Was ist los?”, fragt Christian Wolff, der für Ring Racing und das Toyota Swiss Racing Team an der Boxenmauer das Rennen überwacht. “Nichts”, sage ich. “Fahrerwechsel.” – Doch ich bin eine Runde zu früh an die Box gefahren. Einzig Thomas Lampert steht schon in voller Montur bereit, überhaupt nicht überrascht, wie er mir nach dem Rennen mitteilt. “Ich hatte längst mit Dir gerechnet”, sagt er. Gut so, dann gab es keinen Zeitverlust.

VLN2014-60R_04Für mich überraschend: Ich fühle mich fit und immer noch recht ausgeruht, hätte noch zwei Runden fahren können. Mit ein Grund scheint mein HANS-System zu sein, das anders als die anderen nicht auf die Schlüsselbeine drückt.

Und der Fehler der mangelnden Funk-Kommunikation ist auch rasch gefunden. Das Einbau-Mikro in meinem Helm hat sich vom Leim gelöst und ist herausgefallen. Da nützt alles Nachfragen nichts, wenn kein Mikro da ist.

Aber egal. Thomas bringt den rotweissen GT 86 sicher ins Ziel. Von 207 gestarteten Fahrzeugen belegen wir einen 113. Gesamtrang und den vierten Platz in der Klasse. Kunststück bei nur vier Teilnehmern in der Klasse V3. Aber wir haben 97 Autos hinter uns gelassen. Das ist doch mal eine Feuertaufe! Ich freue mich auf die Fortsetzung des Abenteuers und arbeite daran, das Dauergrinsen wegzukriegen, das seit dem Aussteigen aus dem Renn-Toyota anhält.

Noch keine Kommentare bis jetzt.

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein um hier zu kommentieren.