RAID 2014: Stehende Ovationen

raid2014_01_03Das Fahrzeug, den orangen Familien-Kombi VW Passat Variant I, kenne ich nun. Der 1,5-Liter-Vierzylinder mit seinen 75 PS ist bestens in Schuss, das recht hochbeinige und komfortable Fahrwerk sorgt zwar für viel Seitenneigung, aber auch jede Menge Traktion an der Vorderachse. Neu aber ist meine Co-Pilotin, und das in jeder Hinsicht. Manuela Rimlinger, PR-Assistentin der VW-Abteilung bei der AMAG, bestreitet mit ihren 28 Jahren ihre erste solche Rallye. Doch sie ist gut vorbereitet, waren wir beide doch bei meinen Freunden Brigitte und Bojan Pajic an einem der Vorabende zum Kennenlernen der wichtigsten Handgriffe beim Navigieren und Rechnen im “Vorkurs”.

raid2014_01_02Und so sind wir beim Start guten Mutes. Die technische Abnahme hat der Passat mit Bravour bestanden, die Startnummern sind angebracht, es kann losgehen. Auf der Startrampe würdigt der Sprecher den Wagen als “noch seltener als ein Ferrari 250 GT”, und mancher Passant erkennt den Passat als “mein erstes Auto” oder kommentiert: “In so einem bin ich gross geworden”. Im Unterschied zu manch edlem RAID-Mitbewerber vom Schlag eines Austin Healey oder Mercedes SL300 kann sich Otto Normalverbraucher mit unserem Variant identifizieren. Selbst das knallige Orange passt perfekt zu den Erinnerungen aus den Siebzigern.

Die erste Sonderprüfung und auch eine erste Schlauchprüfung liegen hinter uns. Manuela hat Roadbook und Stoppuhr im Griff, ich brauche mich nur ums Fahren zu kümmern. Und habe bereits erste Strafpunkte eingeheimst, weil ich noch etwas zu unpräzis durch die Zeitauslösung rolle. Das muss besser werden. Bereits viel Spass bringt allerdings das sportliche Fahren mit dem Passat, und das ist auch nötig. Denn mit der roten Startnummer 99 sind wir die Ersten in der Kategorie Sport. Das bedeutet ein höheres Durchschnittstempo als in den anderen Klassen “Vétérans” und “Tourisme”. Das wiederum bedeutet, dass einige der Startnummern 1 bis 98 überholt werden müssen, um das errechnete Zeitfenster zu erreichen.

raid2014_01_01In der Theorie klingt das simpel. Doch haben wir die Rechnung ohne unsere Konkurrenten gemacht. Erste “Begegnungen” mit einem Ferrari und einem Alfa zeigen, dass der formatfüllend in deren Rückspiegeln auftauchende orange Passat nicht zum Platzmachen animiert. Im Gegenteil: Einige geben plötzlich Gas, leider nur auf der Geraden, stehen dafür in den Kurven im Weg herum. Denn der Wolfsburger verfügt trotz Seitenneigung über soviel Traktion, dass er selbst enge Radien locker zu nehmen versteht. So muss man sie eben packen, wenn sie nicht damit rechnen. Meist aussen rum, wenn es die Sicht zulässt. Andere fahren ungeniert “Kampflinie”, also mitten auf der Strasse, ganz nach dem Motto: Einen Lotus würde ich vielleicht überholen lassen, aber einen alten VW Passat bestimmt nicht. Mit etwas Geduld gelingt es schliesslich in allen Fällen.

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raid2014_01_05Bei den Ortsdurchfahrten in hübschen Schwarzwalddörfern finden sich dank schönsten Spätsommerwetters viele Zuschauer am Streckenrand, die uns in unserer “Mutter aller Kombis” freundlich zulächeln. In Kandern gibt es für den Passat Variant gar stehende Ovationen, schliesslich ist er ja ein lebendiges Stück deutscher Automobilgeschichte.

Im Ziel angekommen, bereits in Frankreich auf einem malerisch angelegten Golfplatz, freuen wir uns über eine fehlerfreie Fahrt, ohne uns nur einmal verfahren zu haben. Ein toller Einstand für unsere Co-Piloten-Novizin Manuela. Doch bleibt kaum Zeit zur Erholung. Gleich nach dem Bezug der Hotelzimmer in Strassbourg geht es zum Start der Nachtetappe, die es nur für die Konkurrenten der Kategorie Sport gibt. Sie beginnt in der Abenddämmerung, doch schon bald wird es dunkel. Inmitten der Finsternis verfahren wir uns im Elsass tüchtig, finden dann doch noch den richtigen Weg, doch leider erreichen wir das Ziel einer Sonderprüfung fast zehn Minuten zu spät. Dabei führt die Strecke über Waldwege und Schlaglöcher. Für unseren Passat mit seinen hohen Federwegen keine schwere Übung, aber was werden die Konkurrenten in ihren historischen Sportwagen mit wenig Bodenfreiheit sagen? Im Ziel wissen wir es: Sie fluchen wie die Rohrspatzen. Noch ein Feierabendbier, und dann ab ins Bett, denn der zweite Tag ist mit zwei Etappen der längste des RAID.

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