Rüsselsheimer Ikonen

Vor 50 Jahren eröffnete Opel sein “Styling”-Studio in Rüsselsheim. Zur Jubiläumsfeier holte die Klassik-Abteilung seine wertvollsten Stücke ans Sonnenlicht. So wird die Probefahrt zur Zeitreise.

War doch klar: Opel stellt seine klassischen Ikonen zur freien Rundfahrt auf, und die versammelte Journaille stürzt sich auf den gelbschwarzen GT. Eigentlich das Beste, was passieren konnte, denn so ist der Weg frei für die anderen Preziosen, die genauer betrachtet nicht minder interessant sind. Also nichts wie los und rein in den

013-OPEL_50YOpel Commodore 2,5 S (6-2500) 1970

Schon beim Einsteigen wird es heimelig: Man plumpst in die Niederungen der weichen Sitzbank. Die ist aber nicht durchgesessen aufgrund ihres Alters, sondern war schon von Werkes wegen so weich gepolstert. Egal, die Pedalerie ist gut erreichbar, genauso wie der Automatikwahlhebel und das Lenkrad mit seinem riesigen und zugleich dünnen Kranz. Die Fahrt hinein nach Rüsselsheim, hinunter zum Rhein gestaltet sich kurzweilig. Es ist ein Flanieren, obwohl der Wagen bei der Lancierung vor 47 Jahren schon 115 PS hatte – ab 1970 waren es gar 120 PS wie bei diesem Exemplar aus dem Opel-Museum. Typisch sind die komplett versenkbaren Seitenscheiben, entsprechend luftig die Fahrt. Bei der Überquerung der Buckel auf dem Weg zur Bootsanlegestelle katapultiert sich – und mich – der Commodore elegant in die Höhe. Der Trägheit sei Dank, dass ich stets eine Sekunde verzögert ans Fahrzeugdach und dann wieder auf die Sitzbank hinunter trampoliniere. Sportlich ist anders, obwohl der 2,5-Liter-Sechszylinder für damalige Verhältnisse schon ordentlich Leistung lieferte. Ein GS/E mit 160 PS starkem 2,8-Liter-Benziner hingegen steht leider nicht zur Vergleichsfahrt bereit.

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Dafür geht die Zeitreise weiter zum nächsten Modell, dem

037-OPEL_50YOpel Ascona 16S 1970

Das handgeschaltete Modell ist zwar äusserlich konventioneller gestaltet, wartet jedoch mit etwas strafferen Sitzen und besserer Rundumsicht auf. Der Schalthebel ist sportlich schräg zum Fahrer hin platziert, bietet jedoch recht lange Schaltwege.

124-OPEL_50YAuf der Fahrt erweist sich der 80 PS leistende 1,6-Liter-Vierzylinder als durchaus spritzig, verlangt jedoch nach viel Drehzahl. Die Fahrwerkabstimmung ist für damalige Verhältnisse ordentlich straff, doch ist der Schwerpunkt für eine sportliche Fahrweise schlicht zu hoch. Das hat Opel in späteren Jahren besser in den Griff bekommen.

Die nächste Station der Zeitreise bringt allerdings einen enormen Entwicklungssprung:

056-OPEL_50YOpel Speedster 2.2 Ecotec 2001

Diese Flunder ist genau genommen kaum ein Opel, sondern ein Lotus. Gebaut auf Basis des bewährten Elise-Chassis sollten ab 2000 rund 10’000 Stück vom Speedster gebaut werden. Doch er war vielen Opel-Fans zu fremd und floppte: Nach gut 7’200 Stück wurde die Produktion am Lotus-Hauptsitz in Hethel/Norfolk eingestellt. Das zu fahrende Exemplar ist immerhin eines mit dem Zweiliter-Vierzylinder-Turbo und 200 PS Leistung, wie er auch im Lotus Europa lief. Dank dem geringen Gewicht von rund 1000 Kilo reichte das zu äusserst sportlichen Fahrwerten (0-100 km/h in 4,9s, Spitze 243 km/h). Der Testwagen geht immer noch fulminant ab, auch wenn er ein wenig “ausgelatscht” wirkt. Dies zeigt sich insbesondere in der Lenkung, die Lotus-typisch nicht servounterstützt ist, aber beim blauen Test-Speedster etwas viel Spiel hat. Das Kurvenverhalten ist vorbildlich, der kleine Drift um den Kreisel auf dem Werksgelände sorgt immerhin für hochgezogene Augenbrauen bei den zuschauenden Opelanern.

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Zum Abschluss ein rennsportlicher Sprung zurück in die Sechzigerjahre:

153-Opel_50YOpel Rekord C “Schwarze Witwe” 1967

Naja ganz ehrlich: Ganz so spektakulär wie ein Lotus lässt sich der zum Renntourenwagen umgebaute Rekord nicht bewegen, aber immerhin gewinnt er die Sound-Wertung dank brachialem 200-PS-Sechszylinder, und im Schönheitswettbewerb liegt der mattschwarze tiefergelegte Rekord mit gelben Felgen ebenfalls weit vorne. Die Beschleunigung des als Gruppe-5-Auto konfigurierten Boliden ist fulminant, aber das war es denn schon mit dem Beeindrucken.

Denn genau genommen ist die “Schwarze Witwe”, wie man das Teil damals taufte, als es unter Aufsicht des Letten Anatole Lapine kurz nach Serienstart ins Leben gerufen und von Koriphäen wie Niki Lauda und Erich Bitter gefahren wurde, eigentlich gar keine. Eher eine “graue Tochter” der Witwe, denn dieses Auto ist ein Nachbau von 2012. Da Opel Classic keine Pläne mehr für das bereits 1970 verkaufte Einzelstück hatte, musste man auf die persönliche Erinnerung von Lapine zurückgreifen.

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Immerhin, die Witwenfahrt einmal um den Block des Opel-Hauptsitzes in Rüsselsheim bildet den würdigen Abschluss unserer kleinen Zeitreise. Ein Dank an den Blitz.

 

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