Taufe der anderen Art

Bei meinem zweiten Renneinsatz in der VLN drohte Ungemach von der Wetterfront. So kam es zu meiner ersten Erfahrung im Toyota GT 86 unter Renntempo mit widrigen Bedingungen. Es ist alles heil geblieben. Andere hatten weniger Glück.

VLN2014-07HS_02Diesmal stand der eigentliche Saisonhöhepunkt in der VLN auf dem Programm. Da das legendäre 24-Stunden-Rennen aufgrund seiner leicht anderen Streckenführung nicht zur Meisterschaft gehört (aber dennoch mitzählt), ist das 6h-Rennen die längste  Veranstaltung im Programm. Was für Thomas Lampert und mich bedeutete, dass wir einen dritten Piloten im Team hatten. Der 54-jährige Seeländer Christoph Lötscher stiess dazu, der mit seinem zweiten Platz im 24h-Rennen im gleichen Fahrzeug schon etliche erfolgreiche Runden absolviert hatte.

So dürfen wir drei uns am Freitagnachmittag schon einmal auf die Nordschleife einschiessen. Ich bin als Zweiter dran und absolviere insgesamt zwei gezeitete Runden. Für viele Konkurrenten da draussen geht es aber offenbar schon um alles. Einige der starken GT3 fahren bereits Rennrunden am Limit und nutzen beim Überholen meines Toyota GT 86 mit der Startnummer 516 sogar Lücken, wo keine sind. Auf der Nordschleife gibt es jede Menge Engpässe, in denen zwei Autos nebeneinander eigentlich keinen Platz haben. Solcherlei Überholmanöver muss man nicht verstehen. Oder wie der Eifelaner sagen würde: “Dat iss halt so.”

Thomas Lampert, mein Teamkollege vom letzten Rennen, nutzt die letzten Runden zu einer kleinen Schulungsfahrt im Schlepptau von Ring-Racing-Chef Uwe Kleen, der ein neues Einsatzauto zu Testzwecken bewegt und per Funk Tipps zu Bremspunkten und der richtigen Gangwahl gibt.

Am Samstagmorgen geht’s ans Qualifying. Christoph Lötscher ist erneut als erster Pilot in unserem Team an der Reihe. Kein Spass, denn die Rennstrecke ist nach nächtlichen Regenfällen noch rundum feucht. So ergibt sich für uns mit rund 12 Minuten keine wirkliche Qualifikationszeit.

Ich übernehme die Aufgabe, in einer fliegenden Runde eine Zeitverbesserung hinzukriegen, in der Hoffnung, dass sich nicht zu viele Zwischenfälle auf der Strecke ereignet haben, die mich mit der Doppelgelb-Vorgabe, nämlich Tempo 60 km/h an Unfallstellen vorbei, einbremsen würden. Ich habe Glück: Die Strecke ist weitgehend frei, nur an zwei Stellen ist es noch feucht. So lasse ich in der Fuchsröhre und am Ende der Döttinger Höhe Vorsicht walten. Dennoch gelingt mir eine 10:44, das sind sechs Sekunden weniger als beim letzten Rennen. Und wie gesagt ist noch Luft drin.

VLN2014-07HS_01

Anschliessend wiederholt Thomas Lampert diese Rundenzeit, und das mit zwei Doppelgelb-Phasen auf seiner schnellen Runde. Es scheint, als hätten wir uns seit unserem ersten Rennen deutlich weiter entwickelt, und Christoph Lötscher soll mit seiner Erfahrung zusätzliche Verstärkug bieten. Die Zeit bringt Rang 7 in der Startaufstellung der Klasse V3.

VLN2014-07R_02Fürs Rennen sind allerdings starke Schauer angesagt, und das wird am Nachmittag das vorherrschende Thema. Christoph Lötscher fährt die Einführungsrunde und ab Punkt 12:10 Uhr acht Rennrunden. Beim Tanken ergibt sich, dass noch eine neunte Runde möglich gewesen wäre.

Stattdessen übernehme ich um etwa 13:40 den zweiten Turn. Schon auf dem Grand-Prix-Kurs sehe ich die dunklen Wolken, und bereits in der Hatzenbach-Passage fängt es an zu tröpfeln. Im Bereich des Adenauer Forsts ist es schon Regen. Per Funk gebe ich durch, dass noch eine weitere Runde auf Slicks unter diesen Bedingungen möglich sein sollte. Das ist zumindest meine Einschätzung. Meine Erfahrung mit profillosen Reifen auf nasser Piste ist allerdings Null. Dennoch: Die zweite Runde bei jetzt rundum nasser Piste zeigt, dass der GT 86 auf Slicks mit voll aktiviertem ESP etlichen schnelleren Konkurrenten gegenüber Vorteile hatte. Mehrere Porsche 911 GT3 und BMW kann ich so überholen. Motivierend.

Dann biege ich in die Boxengasse ab, wo ich Regenreifen bekomme. Die erste Runde gehe ich vorsichtig an, da ich noch keine Ahnung habe, wie viel Grip diese Reifen auf dem nassen Asphalt bieten. In Runde 4 habe ich genügend Vertrauen ins Material gefasst, dass ich wieder voll angasen kann.

Doch dann steigt bei erneutem Sonnenschein die Sorge: Haben wir die richtige Entscheidung gefällt? Werden die Reifen auf der trockenen Piste zu stark abbauen? Muss ich die nassen Stellen suchen, um den Gummi abzukühlen? Doch das unberechenbare Eifelwetter hilft. Erneut fängt es an zu nieseln. Und dann kommt es richtig runter, wie aus Eimern. Profil hin oder her, ich verlangsame und ziele an Unfallstellen und Doppelgelb-Bereichen mit aller Vorsicht vorbei. Unfassbar, wie viele Fahrzeuge in nur einer Runde von der Strecke gerutscht sind. Ich überschlage im Kopf mal, wie viel Schrott der Marken Mercedes, BMW, Porsche, Aston Martin und McLaren ich sichte. Gefühlt entspricht die Schadensumme dem Bruttoinlandprodukt von Liechtenstein.

VLN2014-07_05

Mit jedem Unfall steigt die Vorsicht. Doch richtig schwierig wird es erst, als der stärkste Regen vorbei ist. In Runde 7 beschleunige ich nach der Bergwerkkurve – ganz wichtig, damit man für die lange Bergaufpassage bis zur Hohen Acht genügend Schwung mitnimmt. Doch das war zu früh: Schwupp, das Heck bricht unvermittelt aus, ich drehe mich Richtung Kurveninnenseite. Einen Meter vor der Leitplanke habe ich den Wagen unter Kontrolle. Sofort wedeln die Streckenposten Doppelgelb – dankeschön! Und weiter geht’s.

In der nächsten Runde bin ich extra vorsichtig. An derselben Stelle will das Heck erneut ausbrechen, doch diesmal bin ich feinfühliger mit dem Gaspedal und komme mit einem kleinen Drift durch. Dafür passiert es erneut ganz unvermittelt kurz vor der Hohen Acht. In einer Rechtskurve auf einer Kuppe wird die Hinterachse leicht, und wieder kreisle ich. Und wieder kann ich den Wagen vor der Leitplankenberührung retten. Und wieder geht es weiter. Nach insgesamt zehn Runden und etwa zweieinhalb Stunden bringe ich den rotweissen Toyota GT 86 mit der Startnummer 516 ohne einen Kratzer in die Box.

Thomas Lampert übernimmt den Schlussturn, bei erneut stärker werdendem Regen. Ich warne ihn noch kurz vor dem Herausbeschleunigen aus Kurven, dann steigt er ein und wird angeschnallt. Er bringt das Auto zuverlässig und zügig ins Ziel. Rang vier in der Klasse, bei acht gestarteten V3-Konkurrenten, ist der Lohn. Und die Tatsache, dass wir – im Unterschied zu 63 der 169 bei Sonnenschein gestarteten Fahrzeugen – heil ins Ziel gekommen sind, auf Gesamtrang 85. Was für eine Regentaufe.

Noch keine Kommentare bis jetzt.

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein um hier zu kommentieren.