Unbemerkt zum Zukunftsauto gewandelt

Alle reden vom selbstfahrenden Auto. Doch wenn die nächste E-Klasse 2016 an den Start geht, wird sie über teilautonome Fähigkeiten verfügen, die mehr sind als reine Technik-Spielerei.

Es mag ein wenig vollmundig klingen, wenn Martin Lorenz, der Projektleiter der neuen Mercedes E-Klasse erklärt: «Bei uns hat die Zukunft schon begonnen.» Während die bisher als Stuttgarter Speerspitze technologischer Forschung geltende Mercedes S-Klasse aus Sicht des Herstellers dem sogenannten Current Level, also dem aktuellen Forschungsstand entspricht, nota bene mit Technik-Leckerbissen wie antizipierender Fahrwerkabstimmung oder Staufahrassistent, soll die im nächsten Jahr zu lancierende E-Klasse bereits auf dem Next Level sein, also eine Technologiegeneration weiter.

Von dem S-Klasse-System Intelligent Drive profitierten innerhalb nur eines Jahres auch die kleineren Modelle der C- und B-Klasse sowie der SUV-Familie. Bei der neuen E-Klasse spricht Lorenz neben Assistenzsystemen der vierten Generation zusätzlich von Intelligent Protect, das neue passive Sicherheitssysteme beinhaltet. Die wenig griffigen Eigennamen sollen letztlich nur eines verdeutlichen, wie Lorenz erklärt: «Die E-Klasse wird über ein offenes System verfügen, das die nachträgliche Einführung zukünftiger Fahrsysteme erlaubt.» Was das im Einzelnen bedeuten könnte, zeigt Mercedes bereits rund ein Jahr, bevor die neue E-Klasse zu den Schweizer Händlern gelangt.

Die neuen Sicherheitssysteme vermögen durchaus zu beeindrucken, darunter etwa das unter Pre-Safe zusammengefasste Paket an Schutzmassnahmen bei einem unvermeidlichen Aufprall. So wird etwa in den Seitenwangen der Vordersitze jeweils einseitig ein Airbag aktiviert, der den Insassen zum Fahrzeugzentrum hin bewegt, also weg vom Gefahrenbereich. Zusätzlich erzeugt das Soundsystem ein Rauschen, das das Gehör der Insassen für das zu erwartende Unfallgeräusch vorkonditioniert.

Das bekannte schlüssellose Zugangssystem moderner Fahrzeuge nehmen die E-Klasse-Entwickler wörtlich: Der digitale Fahrzeugschlüssel arbeitet mit Nahfeld-Kommunikation und ermöglicht den Einsatz des eigenen Smartphones als Schlüssel – ein Gerät weniger im Hosensack.

Zudem lässt sich das Handy auch beim Remote Park Pilot als Fernbedienung nützen, um die E-Klasse von aussen in schmale Vertikallücken zu parkieren. Gemäss Entwickler Carsten Hämmerling bietet der Mercedes mehr ferngesteuerte Parkmanöver als beispielsweise der neue BMW 7er, der zudem auf den Einsatz des Fahrzeugschlüssels angewiesen ist.

Was im Bereich der Scheinwerfer aktuell möglich ist, findet sich in der neuen E-Klasse in seiner Komplettheit. Pro Scheinwerfer werden je 84 von Hella gefertigte LED einzeln angesteuert. Gemäss Lichtexperte Markus Maier lassen sich dank Matrix-Technik von Lear im Sichtfeld bis zu vier einzelne Elemente schwächer anstrahlen als der Rest, darunter zum Beispiel entgegenkommende Autos, Fussgänger und stark reflektierende Verkehrsschilder. Besonders gut funktioniert das Matrixlicht bei schlechtem Wetter – selbst die am Boden reflektierte Fahrbahnnässe wird automatisch ausgeblendet.

Die Rückleuchten verfügen über verschiedene Lichtstärken, um das Blenden bei Dunkelheit zu reduzieren. Dies gilt jedoch offenbar nicht für die dritte Bremsleuchte in der Heckscheibe, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Das eigentliche Kernstück bei der Wandlung der Mercedes E-Klasse von einer Limousine des Premiumsegments hin zu dem, was wir heute Zukunftsauto nennen, ist unter dem Oberbegriff Intelligent Drive Next Level zusammengefasst. Denn das Fahrzeug kann bereits weite Strecken teilautonom fahren.

Auf Autobahnen und Landstrassen hält die E-Klasse den Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug, und das selbst auf der deutschen Autobahn bei Tempo 200. Bis 130 km/h ist das System nicht einmal auf Fahrbahnmarkierungen angewiesen, sondern verlässt sich auf sein Stereokamera- und Radarsystem sowie das Navigationssystem. Selbst leichte Kurven sind kein Thema, wie Sicherheitsexperte Jochen Haab erläutert.

Erkennt das System, dass bei einem plötzlich auftauchenden Hindernis, etwa einem Stauende, ein Ausweichen nicht möglich ist, leitet die E-Klasse eine Vollbremsung aus Geschwindigkeiten bis 90 km/h ein.

Führt der Fahrer ein plötzliches Ausweichmanöver aus, unterstützt ihn das System bei der richtigen Dosierung der Lenkung. Was nun noch fehlt, ist eine automatische Lenkung, beispielsweise für autonomes Wechseln der Fahrbahnen auf der Autobahn. Doch Experte Haab vertröstet uns auf später: «Einen Überholassistent kann ich Ihnen heute nicht zeigen, warten Sie doch noch ein paar Wochen.»

Immerhin, die Tour d’Horizon zur kommenden Mercedes E-Klasse zeigt, dass die Techniker in Stuttgart den Mund nicht zu voll genommen haben: Diese Limousine scheint die Zukunft in weiten Teilen schon heute zu repräsentieren.

Hier geht es zum Original-Artikel in der NZZ.

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